Kinderphantasien - Die belebte Außenwelt

Magisches Denken

Gedanken werden kontrolliert

Animismus - Die Dinge leben

Unerklärliche, ja finstere, die Welt bewegende Mächte kennen wir alle, viele auch helfende und rettende. Der Glaube an ihre Existenz scheint entwicklungsgeschichtlich in uns angelegt zu sein. Ein Rettungsanker in der Not, Trost und Hoffnung, um das Schicksal zu erleichtern, eine Pille fürs Gemüt? Wer einmal schon durch einen dunklen Wald marschieren musste, der ist sich - für eine Weile jedenfalls - gewiss: Es gibt  Hexen, Geister und Teufel. Der Wald ist voll davon. Schon allein im dunklen Keller kriegen wir zuviel. Bei Tieren bemerkt man allerdings keinerlei derartige Erkenntnisse, vermutlich weil sie keine Zukunft kennen.

Gemeiner Tisch

Ein Kleinkind, das sich am Tisch gestoßen hat, wird behaupten, der habe es "gehauen". Die Dinge tun etwas, sie wollen etwas, umgekehrt können auch Wünsche an sie herantragen werden, die sie dann erfüllen oder nicht. "Bravsein", also Angepasstheit, erhöht die Wahrscheinlichkeit von Erfolg. Die Außenwelt ist noch nicht von der Innenwelt geschieden; sie vermischen sich, und so erzählen Kinder manchmal die verrücktesten, abstrusesten Geschichten als wahre, die ihnen untergekommen sein sollen. Alle Kinder tun das; es ghört zu ihrer animistisch-magischen Entwicklungsphase, die mit fünf Jahren abgeschlossen ist.
Mit der Puppe kann man sprechen, die sagt etwas, antwortet, will etwas. Toten, unbeseelten Dingen wird also Macht zugebilligt, sie wissen etwas oder - noch bedrohlicher - sie wissen alles. Diese Geschichte wird auch fleißig durch die Eltern unterstützt. Fehlt mal wieder ein Fruchtzwerg im Kühlschrank, ist etwas genascht, so kommt die Mutter daher: "Ich seh´s dir an der Nasenspitze an". Tut sie nicht, nur anhand der Reaktion weiß sie, ob sie mit ihrer Vermutung getroffen hat. Das zeigt gleich auch noch etwas anderes: Kinder können nicht lügen.
Fatale Folge: Kinder glauben, die Eltern oder sonst irgendwelche Mächte könnten ihnen in den Kopf gucken, errieten ihre Gedanken. Werden sie religiös erzogen, glauben an einen Gott, so sind sie überzeugt, dass der alles sehe und wisse. Er marschiert fortan immer im Leben mit, wenn sie ihn nicht grade mal vergessen.

Von der beseelen Welt in den Himmel

Jeder kennt solche milden zwangsneurotischen Marotten im Leben, z.B. dass auf dem Schulweg irgendwelche Gehwegplatten übersprungen werden müssen, eine Laterne zu umrunden ist, um keine Fünf in der Mathearbeit einzuheimsen. Meist verschwindet das mit der Pubertät, aber es kann sich u.U. über das im Auto baumelnde Maskottchen, den Schornsteinfeger, das Glücksschweinchen usw. fortsetzen. Typisch ist es dabei, dass solche Marotten durch Zwang gekennzeichnet sind. Man muss etwas tun oder in seinen Besitz bringen, denn andernfalls droht Ungemach. Bei Erwachsenen ist das häufig verborgen. Erst wenn sich zuviel Leidensdruck aufbaut, die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigt ist, kommt das ans Licht. Manche haben Waschzwang - Disney rannte bis zu 30 Mal in der Stunde zum Waschbecken - manche Zählzwang, Passanten, Autos, Schritte usw. oder Symetriezwang bzw. Kontrollzwang - andere müssen z.B. ihre Kleidung in ganz bestimmer Weise abends auf dem Stuhl ablegen, denn sonst kann man ja gar nicht schlafen, oder der nächste Tag beginnt gleich mit einem Beinbruch. Andere müssen erst immer vor Öffnen des Hängeschränkchens in der Küche dreimal an die Tür klopfen, wieder andere verlassen das Haus und rennen regelmäßig wieder hinauf in die Wohnung, weil es sein könnte, dass die Herdplatte eingeschaltet ist. Viele fangen sich darin, dass sie beim Lotto immer diesselben Zahlen wählen, statt willkürlich immer andere. Damit fangen sie sich dann ein Leben lang. Sie müssen spielen, dann irgendwann ... und totsicher ...
Was tat die Oma, die man dem Verfasser in einem analusischen Dörfchen ins Auto setzte, um sie mit ins nächste Dorf zu nehmen? Sie bekreuzigte sich dreimal, bevor sie einstieg. Nun war sie in Sicherheit; die Heiligen passten auf. Sie musste es tun. Ohne Bitte um Schutz wäre sie nicht eingestiegen, hätte keine Ruhe gehabt.

Mächtige Himmelskörper

Die Gehwegplatte, das Schweinchen, hat also Macht, beeinflusst das Geschehen. Man muss den toten, aber mächtigen Dingen Achtung zollen. Das Geschehen, das Schicksal, lässt sich durch Anrufung, Opfer, kleine Rituale wie Kreuzzeichen u.ä. beeinflussen. Wird später in der Entwicklung, nach der Kinderwelt, verstärkt abstrahiert, so ist klar, dass man auch gleich bei den Göttern landet. Ob man einer Puppe gehorcht, das Schicksal durch Umrundung der Laterne beeinflusst, der "Wilde" seinen Baumgott oder seinen Gott im Baum durch ein Opfer besänftigt oder der Europäer einen anderen Gott durch Buße und Geldspende gnädig stimmen zu können wähnt: Es ist alles dasselbe. Die Dinge oder die herbeiphantasierten Allmächtigen, die Götter, besitzen Macht. Tun sie auch - solange man an sie glaubt. Es sind an den Himmel projizierte Wünsche und Befürchtungen,
Die Annäherung an den Gott (1) und die Verrichtung damit verbundener Handlungen wird ritualisiert, institutionalisiert und professionalisiert. Es werden eigens Leute dazu abgestellt und finanziert, sei es durch direkte Zahlungen oder dadurch, dass sie Geld, Opfer, Gaben oder was auch immer von ihren Gläubigen einfordern oder erbetteln dürfen.

Angst

Freud war schon früh aufgefallen, dass religiösen Handlungen immer etwas Zwanghaftes anhaftet, siehe das Rosenkranzbeten, die Wipperei von Juden beim Gebet, das Sichniederwerfen der Mohamedaner sowie viele andere Rituale. Ein Verhindertsein an vorgeschriebenen Handlungen ruft Unruhe, ja Angst hervor, so z.B. wenn ein Muslim einmal sein Gebet nicht wie vorgeschrieben vollziehen kann. Unter viel Aufwand und Mühe ist das dann zu reparieren, sein Allah gnädig zu stimmen.
Das Sprechen zu den Göttern, die Übermittlung von Bitten, die an sie herangetragen werden, nennen wir beten. Der Unterschied zwischem dem Anhänger einer sog. Naturreligion vor seinem Baum und einem Christen vor einer Heiligenfigur oder der Madonna, der Kniefall vor einem Jesus, o.ä. ist nur graduell. Letzteres erscheint uns nur "normal" zu sein, da einfach gängig. Aber normal ist nichts.
Bei Kindern wird man also auch die beschriebenen oder ähnliche Verhaltensweisen wahrnehmen. Da gilt es zu verstehen. "Änderungen" und Kritik werden wenig erwünscht sein ... Die Kinder sind so, wie die Eltern sie wollten. Basta.

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1. Wer sich über den bestimmten Artikel hier wundert, lese hier weiter.

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